Zehntausende beim Basler Münsterfest: Münster als Leinwand seiner Geschichte

Das Wetter war prächtig und die Leute kamen in Scharen zum Münsterfest in Basel, mit dem am letzten August-Wochenende die Vollendung des Basler Münsters vor 500 Jahren gefeiert wurde. Geschätzte 20 000 Zuschauer gab es alleine bei den beiden jeweils halbstündigen Aufführungen von »son et lumiere«, einer multimedialen Zeitreise durch die Geschichte des Münsters. Doch auch zu den vielen anderen Attraktionen innerhalb und ausserhalb des Münsters strömten die Menschen in Massen. Zweck des Festes war, die Münsterbauhütte und die Erhaltung des Münsters zu unterstützen.
Es war kein Durchkommen mehr, als am Freitag- und Samstagabend die Münsterglocken ein Spektakel einläuteten, das getrost als einmalig bezeichnet werden kann. Auf dem grossen Platz vor dem Münster standen die Menschen dicht an dicht, die Augen auf die Westfassade gerichtet. Für dreissig Minuten schien das Gemäuer selbst zu sprechen. Beleuchtet von 469 Scheinwerfern und beschallt von 28 Lautsprechern erzählte es von seinem Werden. Viel Blut, Schweiss und Tränen sind bei seiner Entstehung geflossen. Könige, Kaiser, Päpste – Nacht- und Lichtgestalten – den Bau des Gotteshauses vorangetrieben. Dem, der dafür Geld gab, wurden die Sünden erlassen. So sei jeder Stein des Basler Münsters »eine verkaufte Sünde«, schallte es vom Münster her.        



Spektakuläre Projektion ...

Düster und unheimlich schilderte es die Jahrhunderte seines Werdens. Wenn es von Zeiten der todbringenden Pest, furchtbaren Judenpogromen und schrecklichen Naturkatastrophen erzählte, leuchtete es giftgrün, feuerrot oder gespenstisch weiss. Bildhafte, auf die Westfassade projizierte Scherenschnitte verstärkten die Stimmung. Erst mit der Vollendung der Kirche wurden die Farben freundlicher, der Ton des Erzählers sanfter.

Mehr als eine Woche waren 20 Personen mit dem Aufbau des technischen Equipments beschäftigt, das sechs Sattelschlepper füllte. Mit 400 000 SFr verschlang das Spektakel fast zwei Drittel des Festbudgets. Aber: 350 000 SFr steuerte ein anonymer Spender bei!

Doch das Basler Münster war nicht nur Leinwand seiner Geschichte, sondern ebenso Bühne kultureller Programmpunkte und Schauplatz handwerklicher Kunst. Und immer schien es randvoll zu sein. Den Satz »So ischs Münster no nie voll gsi«, bekam man mehr als nur einmal zu hören, ob bei der Eröffnungsvesper und bei Händels »Messias« zum Mitsingen am Freitag, oder bei der Krönungsmesse von Mozart am Samstag – immer drängten sich die Menschen.

... und eindrucksvolle Klänge

Voll war es auch im Kreuzgang: Dort war die Bühne für die Basler »sinfonietta« bereitet, ein fulminantes Orchester, das nicht nur mit George Gershwins »Cuban Overture« bezauberte. 500 Sekunden dauerte das Tanztheater von Joachim Schlömer. Diesmal ertönten erhabene Barockklänge, zu denen der Tänzer in ausdrucksstarker Körpersprache sinnigerweise von der Einsamkeit des Menschen in diesem Raum erzählte.

Einen Eindruck davon, wie vor 500 Jahren der Bau des Münsters vonstatten ging, bot der mittelalterliche Handwerkermarkt im Innenhof des Kreuzgangs. Abformer, Glasmaler, Maurer, Papiermacher, Ziegler, Zimmermänner und natürlich Steinmetzen waren hier in historischen Gewändern mit von der Partie. Viele interessierten sich für die Arbeit der Münsterbauhütte, die mit der Bearbeitung einer Wendeltreppen-Stufe exemplarisch dargestellt wurde. »Star« des Handwerkermarktes war jedoch die originale Kreuzblume, mit der Hans von Nussdorf am 23. Juli 1500 den Bau des Münsters vollendete. Das hohe Alter ist ihr anzusehen. Geflickt und in großen Teilen erneuert, hat sie sich längst zur Ruhe gesetzt und ist vom Martinsturm ins Museum Kleines Klingental umgezogen.

Natürlich war nicht nur im Innern des Münsters der Bär los. Auf dem Münsterplatz und der Pfalz reihten sich Festzelte und Verkaufsstände aneinander. Unter den Kastanienbäumen heizten fetzige Jazz- und Dixieland-Bands ein — es war ein Volksfest, um nicht zu sagen ein Welt-Fest. Denn auch der »Markt der Kulturen«, ein vom Museum der Kulturen traditionell veranstaltetes Fest mit kulinarischen Genüssen und Kunsthandwerk aus aller Welt, war in das Münsterfest integriert und zog sich fast die gesamte Augustinergasse hinunter. »Grossartig«, fand denn auch Pfarrer Franz Christ, Präsident des Organisationskomitees, das Münsterfest. »Die Menschen der Stadt haben ihr Münster gebraucht.«
(Christiane Weishaupt, deutsche Fachzeitschrift Naturstein 11/2000)